Zum Tode von Jürgen Heinemann - „Bildnerische Verdichtungen existenzieller Fragen“
Jürgen Heinemann (1934–2025) verstarb im Alter von 91 Jahren. Er war ein deutscher Fotojournalist und Dokumentarfotograf, der insbesondere in den 1960er- und 1970er-Jahren durch seine eindringlichen Schwarzweiß-Fotografien aus Spanien, Asien, Afrika, Lateinamerika und anderen Weltregionen internationale Beachtung fand.
Sein Werk ist geprägt von einer humanistischen, dokumentarischen Bildsprache, in deren Zentrum stets der Mensch steht: der Mensch in seinem Arbeitsumfeld, die Familie in ihren konkreten Lebenssituationen, Kinder zwischen Unbeschwertheit und Bedrohung – Lebenswelten, in denen Glaube, Liebe und Hoffnung zu tragenden Momenten sozialer Wirklichkeit werden. Die Kamera fungiert dabei nicht als distanziertes Beobachtungsinstrument, sondern als Sprachrohr existenzieller Themen.
„Bildnerische Verdichtungen existenzieller Fragen“ – mit dieser Formulierung beschrieb Heinemann selbst seine Fotografie. Seine Arbeiten sind keine bloßen Reportagen, sondern visuelle Fragestellungen zu menschlicher Existenz, Achtsamkeit und den Bedingungen des Lebens. Diese Haltung unterscheidet sein Werk grundlegend von einer rein neutralen Dokumentation und verleiht ihm eine reflektierte, bisweilen fast philosophische Dimension.
Viele seiner Reisen und Bildserien entstanden im Kontext von Aufträgen für kirchliche Hilfsorganisationen wie Adveniat und Misereor. Daraus erwuchs ein besonderer Fokus auf soziale Ungerechtigkeit, Armut und die Lebensbedingungen marginalisierter Bevölkerungsgruppen. Heinemanns Fotografie sollte informieren, sensibilisieren und vor allem empathisch vermitteln.
Soziales Elend und politische Unterdrückung der Entrechteten verkommen in seinen Bildern niemals zur voyeuristischen Zurschaustellung. Seine Aufnahmen werden vielmehr zu Zeugnissen historischer und struktureller Gewalt – etwa der langfristigen Folgen kolonialen Landraubs. Seine Fotografien sind keine ästhetischen Selbstzwecke, sondern zielen darauf ab, Realität und Würde der dargestellten Menschen sichtbar zu machen. Damit steht Heinemann in der Tradition eines humanistischen Fotojournalismus, in dem das fotografische Bild als Fenster zur sozialen Wirklichkeit verstanden wird.
Heinemann arbeitete nahezu ausschließlich in Schwarzweiß und begriff diese Entscheidung als integralen Bestandteil seiner ästhetischen Strategie. Durch kontrastreiche Belichtung und eine bewusste Verdichtung des Lichts schuf er Bilder von großer visueller Präsenz und emotionaler Tiefe. Das Spiel von Licht und Schatten dient dabei nicht allein der Form, sondern verstärkt die inhaltliche Dichte und existenzielle Spannung seiner Motive. Form und Inhalt bilden eine unauflösliche Einheit.
Technisch arbeitete Heinemann häufig mit einer Leica-Kamera und maß – im Sinne Henri Cartier-Bressons – dem „entscheidenden Moment“ zentrale Bedeutung bei: jenem Augenblick, in dem sich Form und Emotion zu einem unwiederholbaren Bildereignis verdichten. Die Konzentration auf das spontane, authentische Geschehen war ein wesentlicher Bestandteil seiner fotografischen Methodik.
Meine Begegnung mit Jürgen Heinemann
Ich begegnete Jürgen Heinemann zweimal: in seiner Wohnung mit Atelier in Potsdam sowie in Köln, in der Galerie von Manoel Nunes. Er war ein bescheidener, eher in sich gekehrter Mensch, gesundheitlich gezeichnet von Asthma beziehungsweise chronischen Bronchialproblemen. Hinzu kam ein fortschreitendes Augenleiden, das im Laufe der Jahre drastisch zunahm – für einen Fotografen eine besonders schmerzhafte Einschränkung.
In unregelmäßigen Abständen telefonierten wir miteinander. Dabei sprach er mit großer Ernsthaftigkeit von dem Wunsch, sein umfangreiches Fotoarchiv zu ordnen, zu digitalisieren und systematisch nach Ländern zu strukturieren.
Hinter jeder Fotografie verbarg sich eine Geschichte.
Nachdem ich 2001 in der Anfangsphase des von mir neu aufgebauten Forums Internationale Photographie den Transport der zeitgenössischen Fotosammlung des Fotohistorikers Helmut Gernsheim von Lugano nach Mannheim in die Reiss-Engelhorn-Museen koordiniert hatte, erfasste, inventarisierte und archivierte ich gemeinsam mit Robert Häusser die Bestände der Gernsheim-Sammlung. Unter den zahlreichen Arbeiten befand sich auch ein Konvolut von Fotografien Jürgen Heinemanns.
Dies war meine erste intensive Begegnung mit seinen Schwarzweiß-Arbeiten: Hell-Dunkel-Kontraste von großer formaler Konsequenz, jedes Bild gestalterisch präzise ausformuliert und verdichtet. Die Handschrift der Otto-Steinert-Schule, jener „subjektiven fotografie“, die das persönliche Sehen ins Zentrum rückte, wird sichtbar. Heinemann war Schüler von Oskar Holweck und Otto Steinert an der Werkkunstschule Saarbrücken sowie danach an der Folkwang Hochschule Essen über die Jahre 1959 bis 1962. Seine Bilder sind sozialkritisch und zugleich von einem tiefen Mit-Empfinden, einem Mit-Leiden getragen – fast wie ein moderner Pietà-Gedanke: eine stille Beweinung eingemauerter Existenzen ohne Notausgang. Fern von Kitsch, getragen von Glaube, Fatalismus und einem widerständigen élan vital.
Beeindruckt von dieser Bildsprache besuchte ich Jürgen Heinemann im November 2008 in Potsdam, im Anschluss an das von der Kunstbibliothek Berlin veranstaltete Symposium „Fotografie im Museum“, zu dem ich als Referent eingeladen war. Ich hielt das Gespräch filmisch fest. Insgeheim reifte dabei der Wunsch, eine Ausstellung mit seinen Arbeiten zu konzipieren. In seinem Atelier zeigte er mir zahlreiche Serien. Besonders eindrücklich war für mich seine Bildserie zur Karwoche in Sevilla (Semana Santa) 1960. Heinemann dokumentierte dort die religiösen Rituale der Osterwoche mit ihren düsteren, fast mittelalterlich anmutenden Prozessionen der Büßerbruderschaften. Die Kapuzenfiguren, ihre strenge Gestik und die nächtliche Atmosphäre verdichten sich zu Bildern von großer formaler und emotionaler Intensität.
In dieser Serie gewinnt das Schwarz des Silbergelatineabzugs eine eigentümliche Gravitation. Die tiefen Schwärzen fungieren nicht als bloße Schatten, sondern als bildinterne Schwarze Löcher, die Körper und Raum gänzlich zu absorbieren scheinen. In dieser Düsternis nähert sich Heinemanns Fotografie der Bildwelt Francisco de Goyas, in der das Dämonische nicht dargestellt, sondern aus der Dunkelheit selbst geboren wird. Goyas Dämonen erscheinen als Projektionen menschlicher Angst – ein Ausdruck, der sich etwa in den Pinturas negras manifestiert. Bei beiden Künstlern entsteht das Bedrohliche nicht durch erzählerische Dramatik, sondern durch formale Verdichtung und Finsternis, aus der Figuren hervortreten oder in der sie zu versinken drohen.
Heinemann erhielt 1963 zu Recht den World Press Photo Award, unter anderem für die Schwarzweißaufnahme „Brasilianische Kinder während einer religiösen Zeremonie“. Dieses Bild steht exemplarisch für seine Fähigkeit, einen emotional hoch aufgeladenen Moment formal klar und von großem dokumentarischem Wert festzuhalten. Ein Lichtstrahl trifft das Gesicht eines Mädchens und hebt es aus der umgebenden Dunkelheit hervor. Die übrigen Kinder bleiben im Schatten – nicht abwesend, sondern in stiller Andacht verharrend.
Wie in Goyas düsteren Bildwelten erscheint die Erleuchtung nicht als Erlösung, sondern als flüchtiger Moment der Sichtbarkeit. Das Schwarz des Abzugs besitzt Gewicht; es umschließt das Licht und macht deutlich, dass jede Offenbarung prekär bleibt.
Neben der existenziellen Schwere und formalen Strenge sind Heinemanns Bildsujets immer wieder auch von leisem, zutiefst menschlichem Humor durchzogen. Etwa in der Aufnahme einer Gruppe lachender, halb verwahrloster Straßenkinder in Portugal – gaminos, die in spielerischem Machogehabe die Welt der Erwachsenen vor der Kamera imitieren: Einer von ihnen pafft demonstrativ eine Zigarette, posiert als vermeintlicher „Big Boss“ und führt damit die Geste der Macht ad absurdum.
Oder in den Fotografien lachender Kinder in Afrika, die zwischen Staunen und Neugier etwas beobachten und mit schalkhaftem Vergnügen auf ein Geschehen reagieren, das sich dem Blick der Betrachtenden entzieht. Ebenso gehört dazu das Bild eines Reiters, der, am Boden liegend, vor sich hindöst, während sein Pferd geduldig neben ihm steht – eine Szene von stiller Ironie und beiläufiger Poesie.
Diese Aufnahmen bilden keinen Bruch, sondern einen bewussten Kontrapunkt innerhalb des Gesamtwerks. Sie erweitern den Bilderreichtum Heinemanns um Momente der Leichtigkeit und zeigen, dass sein humanistischer Blick nicht allein auf Leid und Bedrängnis gerichtet war, sondern ebenso auf Würde, Witz und das fragile Glück des Alltäglichen.
Ich bedaure es zutiefst, dass es letztlich nicht mehr zu der Ausstellung kam, die ich gerne mit seinen Arbeiten kuratiert hätte. Umbaumaßnahmen im Museumsbetrieb sowie die Sparzwänge der Stiftungen infolge der Nullzinspolitik haben vieles erschwert und diesen Ausstellungsplan schließlich zunichtegemacht.
Es bleibt zu wünschen, dass diesem stillen Werk der Raum eröffnet wird, in dem es erneut gesehen, befragt und verstanden werden kann. Ich wünsche es mir sehr.
Prof. Dr. Claude W. Sui, 09.01.2026